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08.12.2015 00:00 Alter: 3 yrs
Von: Der Neue Tag

"Katastrophale Drucksituation"

Die Erste Strafkammer des Langerichts Weiden hat die 21-jährige Steffi D. am Montag zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Das Gericht sah einen minder schweren Fall des Totschlags. Landgerichtspräsident Walter Leupold berücksichtigte die Situation der jungen Mutter: "Sie war schrecklich allein." Von Christine Ascherl


Weiden. Bis zuletzt hat die Angeklagte die Tötung des Babys abgestritten: Nein, sie habe zu "100 Prozent" kein Papier in den Mund des Neugeborenen gedrückt. Sie habe das Kind viel mehr lebend in einen geöffneten Müllsack in der Gitterbox abgelegt. "Diese Anordnung ist durch die Videoaufnahme eindeutig widerlegt", so Leupold.   Die Kammer hat sich die Überwachungsvideos vom 25. April mehrfach angesehen. Nach 40 Minuten auf der Toilette geht die Angeklagte um 11.09 Uhr zur Kasse und holt einen zweiten Müllsack. Die Tür des Waschraums bleibt dabei halb offen stehen. Man erkennt die leere Gitterbox neben dem Waschbecken. Die Angeklagte kehrt zurück, bückt sich mit dem Rücken zur Kamera nach "irgendetwas" und lässt den Müllsack dann in die Gitterbox gleiten.   Leupold: "Der Sack hat Gewicht und lässt sich in Sekunden einsetzen."   Als "Absurdität" bezeichnet der Vorsitzende die Möglichkeit, dass ein unbekannter Dritter das Kind erstickt hat. "Welcher Toilettenbesucher, der ein Baby entdeckt, würde sagen: Das ist jetzt die passende Gelegenheit, ein Kind zu töten. Der würde doch laut schreien und Hilfe holen." Und Verwandte? "Welcher denn?", fragt Leupold. Die Angeklagte habe niemanden informiert und ihre Legende von der Zyste durchgezogen. Abgesehen davon, dass die Videos keine Verwandten in Waschraumnähe zeigen.   Adoption war eingefädelt   Oberstaatsanwalt Rainer Lehner beschrieb die "ausnehmend schwierige Lage" nach der Niederkunft auf der Toilette ihres Arbeitgebers, die ja so nicht geplant war. Für drei Tage später hatte die Verkäuferin einen Termin im Klinikum vereinbart, bei dem der Kaiserschnitt für eine Inkognito-Adoption besprochen werden sollte. Nach der Sturzgeburt in das Toilettenbecken war die heimliche Entbindung geplatzt. Die 21-Jährige geriet "in eine katastrophale Durcksituation und nachvollziehbar in Panik", erklärte es Lehner. Der Supermarkt war voller Verwandter und Kollegen, denen sie über Monate die Schwangerschaft verschwiegen hatte. Sie hatte den Rauswurf durch den reizbaren Vater gefürchtet, war "getrieben von existenziellen Ängsten".   Kein Mord   Es blieben nur zwei Optionen: Mit dem Kind die Toilette zu verlassen - mit allen gefürchteten Konsequenzen. Oder sich des Kindes endgültig zu entledigen. "Sie hat sich für die Tötung entschieden, ungeachtet des überragenden Wertes des menschlichen Lebens." Der Staatsanwalt nach der 21-Jährigen nicht ab, dass sie das Baby später habe holen wollen. Sie habe nie Anstalten gemacht, noch einmal nach Neustadt zu wollen. Warum auch? "Sie wusste, dass es nichts zu retten gab."   Die Frau erstickte das Kind mit Papier, so fest in den Mund gepresst, dass der Rachen abgeformt war. Ist das Mord? Grausam handelt laut Gesetz der, der seinem Opfer Schmerzen zufügt, die "über das für die Tötung erforderliche Maß hinausgehen." Das Gericht sah das in diesem Fall nicht, auch wenn ein Baby laut Gutachter Schmerzen empfindet wie ein Erwachsener. Laut Rechtsmediziner hat das Baby etwa eine halbe Stunde gelebt, ehe ihm der Knebel eingeführt wurde, dann vergingen 30 schreckliche Sekunden", so Leupold.     Kein Mord, dafür ein minder schwerer Fall des Totschlags. Auch diese Entscheidung begründete Leupold. "Wir haben hier eine junge Frau, die völlig verlassen in einer aus ihrer Sicht ausweglosen Situation ist." Keiner habe geholfen. Weder der Kindsvater ("Machs weg"). Noch ihre Familie, die das Problem aussaß. "Auf der Anklagebank sitzt bloß sie. Aber es stellt sich die Frage, ob da nicht ein paar dazu gehören würden."   Sechs Jahre Haft lautete das Urteil des Gerichts. Sechseinhalb Jahre hatte der Staatsanwalt gefordert. Auf vier Jahre plädierte Verteidiger Christoph Scharf, der Paragraph 221 (Aussetzung eines hilflosen Menschen) in Betracht zog. Der Strafrahmen wäre der gleiche. Der Anwalt sah keine geschlossene Indizienkette für die Tötung: "Es bleiben Restzweifel." Die Videoaufzeichnungen weisen Lücken auf. Revision ist noch möglich.   Quelle: Der Neue Tag vom 08.12.2015; Rubrik: Themen des Tages