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21.05.2016 00:00 Alter: 3 yrs
Von: Dr. Burkhard Schulze

Ent­zug der el­ter­li­chen Sor­ge - letz­tes Mit­tel bei Ge­fähr­dung des Kin­des­wohls


Nach Pres­se­ve­röf­fent­li­chun­gen über Kin­des­miss­hand­lun­gen wer­den in der Öf­fent­li­chkeit promt Fra­gen nach dem Ver­sa­gen der Auf­sicht über die El­tern durch Ju­gend­äm­ter und Ge­rich­te laut. Tat­säch­lich ist der Staat im Rah­men sei­nes Wäch­te­ramts ver­pflich­tet und be­rech­tigt Ein­griffe in die Per­so­nen- und Ver­mö­genssorge der El­tern vor­zu­neh­men, wenn dies zum Schutz des Kin­des er­for­der­lich ist.   Al­ler­dings hat der Ge­setz­ge­ber hier­für ho­he Hür­den auf­ge­baut. Sind Kin­des­wohlbeeinträchtigungen zu be­sor­gen stellt sich zu­nächst die Fra­ge, ob die Über­tra­gung der el­ter­lichen Sor­ge auf nur ei­nen El­tern­teil ei­ne ge­eig­ne­te Ge­gen­maß­nah­me dar­stellt - § 1671 BGB - oder wei­ter­ge­hen­de ge­richt­li­che Maß­nah­men er­for­der­lich sind, die über die Ju­gend­äm­ter bei Ge­richt zu be­an­tra­gen sind.   Bis zum Ent­zug der el­ter­li­chen Sor­ge ist es al­ler­dings häu­fig ein wei­ter Weg. Nach § 1666 Abs. 3 BGB kann das Ge­richt an­ord­nen, dass öf­fent­li­che Hil­fen in An­spruch ge­nom­men wer­den, die Schul­pflicht ein­ge­hal­ten wird oder auch ei­nen El­tern­teil vo­rüber­ge­hend vom Um­gang mit dem Kind fern­ zu ­hal­ten, Kont­akt­ver­bo­te er­las­sen und Er­klä­run­gen für den In­ha­ber der el­ter­li­chen Sor­ge ab­zu­ge­ben, al­so z. B. die Ein­wil­li­gung in ei­ne me­di­zi­ni­sche Be­hand­lung oder den Be­such ei­ner be­stimm­ten Schu­le.   Erst wenn all die­se Maß­nah­men nicht mehr aus­rei­chend er­schei­nen kommt die teil­wei­se oder als letz­tes Mit­tel voll­stän­di­ge Ent­zie­hung der el­ter­li­chen Sor­ge in Be­tracht.   Die­se Maß­nah­men sind, da sie als Grund­recht­sein­grif­fe gel­ten, auch nach­dem sie ge­trof­fen sind, lau­fend da­rauf hin zu über­prü­fen, ob sie (noch) not­wen­dig sind. Im Mit­tel­punkt steht hier der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit des Ein­griffs. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt greift hier im­mer wie­der mit weg­wei­sen­den Ent­schei­dun­gen ein, ins­be­son­de­re bei Frem­dun­ter­brin­gung des Kin­des.   Die Fa­mi­li­en­ge­rich­te grei­fen hier­bei, wo­zu sie auch ver­pflich­tet sind, auf Stel­lung­nah­men und Emp­feh­lun­gen der Ju­gend­äm­ter oder Kin­derp­sy­cho­lo­gen und Ärz­ten zu­rück. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in die­sem Zu­sam­men­hang aber er­neut ent­schie­den, dass die blo­ße Be­zug­nah­me auf va­ge und spe­ku­la­ti­ve Ein­schät­zun­gen ei­nes Sach­ver­stän­di­gen zum psy­chi­schen Ge­sund­heits­zu­stands der Mut­ter hier­für nicht ge­nü­gen und kon­kret dar­zu­le­gen ist, dass bei Rück­kehr des Kin­des in den el­ter­li­chen Haus­halt wei­ter­hin ei­ne nach­hal­ti­ge Kin­des­wohl­ge­fahr be­steht (BVerfG Be­schluss vom 20.01.2016 - 1 BvR 2747/15).   Im kon­kre­ten Fall hat­te die Sach­ver­stän­di­ge die Auf­recht­er­hal­tung des Sor­ge­recht­sent­zugs als „stö­rungs­ab­mil­dern­den Fak­tor" der kind­li­chen Ent­wick­lung dar­ge­stellt. Die bei­den Kin­der sei­en nicht mehr si­cher in der La­ge zu un­ter­schei­den zwi­schen me­dia­ler Wirk­lich­keit und soll­ten des­halb zu hand­werk­li­chen Tä­tig­kei­ten so­wie Spiel und Ar­beit in frei­er Na­tur an­ge­hal­ten wer­den.   Das Ge­richt hielt dies in kei­ner Wei­se für aus­rei­chend, wür­de doch hier das Ide­al­bild ei­ner el­ter­li­chen Er­zie­hungs­leis­tung zu Grun­de ge­legt wer­den. Die Ein­schät­zung der Sach­ver­stän­di­gen, die Mut­ter sei hier­zu nicht in der La­ge, las­se nicht er­ken­nen auf­grund wel­cher Um­stän­de und wel­cher fach­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on die Sach­ver­stän­di­ge zu ih­rer psy­cho­lo­gisch und psy­cho­the­ra­peutisch weit­rei­chen­den Cha­rak­te­ri­sie­rung der Mut­ter und der ihr zu­ge­schrie­be­nen De­fi­zi­te ge­langt sei. Ex­plo­ra­tio­nen der Mut­ter und ih­res Le­bens­ge­fähr­ten an zwei Ta­gen und ein wei­te­rer Haus­be­such wür­den hier nicht aus­rei­chen.   Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­langt ei­ne kla­re Fra­ge­stel­lung an die Sach­ver­stän­di­ge. Im vor­lie­gen­den Fall sei es kei­nes­falls aus­rei­chend ge­we­sen ein Gut­ach­ten „zur künf­ti­gen Re­ge­lung der el­ter­li­chen Sor­ge" zu er­stel­len oh­ne dass hier das Kri­te­ri­um der nach­hal­ti­gen Kin­des­wohl­ge­fahr als Un­ter­su­chungs­maßs­tab ge­nannt wird oder der Sa­che nach um­schrie­ben wird.   Ent­schei­dun­gen auf die­sem Ge­biet dürf­ten da­her mit zum schwie­rigs­ten Auf­ga­ben­ge­biet der Ge­rich­te ge­hö­ren, prä­gen Ent­schei­dun­gen - ob rich­tig oder falsch - doch häu­fig die Ent­wick­lung des Kin­des für das wei­te­re ge­sam­te Le­ben und soll­ten des­halb aus­rei­chend durch Gut­ach­ten, Stel­lung­nah­men und ei­ge­ne Über­zeu­gungs­bil­dung nach­hal­tig ab­ge­si­chert und be­grün­det wer­den.   Dem fach­lich ver­sier­ten An­walt fällt auch hier ei­ne be­son­de­re Ver­ant­wor­tung zu.   Rechtsanwalt Dr. Burkhard Schulze   Quelle: Der Neue Tag vom 21./22.05.2016; Rubrik: Recht im Alltag - Familienrecht