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20.04.2017 00:00 Alter: 2 yrs
Von: Der Neue Tag

„Klick": Richter testen Polizeiwaffe

Zweiter Prozesstag wegen versuchten Totschlags gegen 59-Jährigen - Beamte schildern Einsatz


Weiden/Waldershof. (ca) Vor den Richtern steht Axel Manthei, Ingenieur für Waffentechnik beim Landeskriminalamt. In der Hand hält er eine Heckler & Koch P 7, Dienstwaffe der bayerischen Polizei. Manthei prüft sicherheitshalber, ob wirklich keine Patronen geladen sind. Dann zieht er den Abzugshahn. Klick. Klick. Das Geräusch ist deutlich vernehmbar. Bis in die letzte Reihe des Schwurgerichtssaals. Auch Richter Markus Bauer greift zur Pistole. Ein ungewöhnlicher Anblick. Klick. Klick.
Es ist die Dienstwaffe eines 60-jährigen Beamten der Inspektion Marktredwitz, die am Mittwoch vor Landgerichtspräsidenten Walter Leupold auf dem Richtertisch liegt. Der Polizist war ab Maria Himmelfahrt mit einem jungen Kollegen (28) auf Streif, als ihm ein bis dahin unbescholtener Familienvater (59) eben diese Waffe entriss. „Er hat direkt in mein Gesicht gezielt und abgedrückt." Vier Mal. Es wird nur deshalb kein Schuss abgefeuert, weil der Schütze nicht gleichzeitig die spezielle Griffsicherung der geladenen Polizeiwaffe löst.
Wieder im Dienst
Der 60-Jährige ist wieder im Dienst, aber er ist nicht derselbe. Bis heute macht sich der zweifache Vater Vorwürfe, weil er sich nur bruchstückhaft erinnern kann, wie es konkret zu dieser Situation kommen konnte. „Das macht mich fertig." Der Beamte wird psychologisch behandelt. Als Nebenkläger fordert er parallel 10 000 Euro Schmerzensgeld. 
Fast wortgleich schildern er und sein junger Kollege den Einsatz am 15.August 2016. Morgens 8 Uhr. Die Frau setzt einen Notruf ab, weil ihr Ehemann mit einem Messer vor der Zimmertür steht. Als die Streife aus Marktredwitz als Erste am Einfamilienhaus im Landkreis Tirschenreuth ankommt, hat sich die Lage schon beruhigt. Die Frau wartet an der Tür. Die Beamten wollen die Angelegenheit klären. Der Ältere bittet den Ehemann, ins Wohnzimmer voran zu gehen. Im Türrahmen schnappt sich dieser die Waffe. Nur: Wie?
Holster war geöffnet
Die Schlaufe des Holsters hatte der Polizist schon auf der Fahrt zum Einsatz gelöst. Leupold: „Wieso haben Sie den Holster nicht wieder geschlossen?" Der Beamte: „Daran habe ich überhaupt nicht gedacht." Auf dem Weg ins Wohnhzimmer spürt er einen Ruck am Gürtel und glaubt zunächst, der Kollege sei von hinten aufgelaufen. „Dann sah ich den Angeklagten schon vor mir stehen mit einer Schusswaffe in der Hand." Mit zwei Fausthieben habe er den 59-Jährigen niedergestreckt. Dieser zielt im Liegen weiter, bis ihm der Polizist die Pistole aus der Hand tritt.
Der junge Kollege kommt hinzu und bezeugt vor dem Gericht das Abziehen: „Ich habe leises Klicken gehört. Man hat es auch optisch gesehen." Es gibt nur diese beiden direkten Zeugen, der Angeklagte selbst kann sich an nichts und niemanden erinnern.
Es gibt eine Nuss, die nicht geknackt werden kann: Die Waffe kann technisch nicht von vorne gezogen worden sein, wie der 60-Jährige in einer früheren Vernehmung angegeben hat. Er erklärt sich diese Aussage damit, „dass sich das mein Gehirn wahrscheinlich so zurechtgelegt hat". Und liefert damit eine Steilvorlage für Verteidiger Christoph Scharf: „Können Sie dann sicher sagen, dass Ihre anderen Aussagen zutreffen?"
Eine Notärztin will gesehen haben, dass der Angeklagte um den Beamten herumturnte und von hinten ins Holster griff. Der Polizist schließt das aus: „Das hätte ich nie zugelassen." Ohnehin ärgert die Polizei dass so viele Sanitäter im Haus waren. „Das Rettungspersonal ist ziemlich vorgeprescht", sagt der junge Kollege. Ihm kam die Situation derart „komisch" vor, dass er die Waffe gezogen hielt. Der Angeklagte sprach die ganze Zeit kein Wort. „Überhaupt nichts."
Seine Entschuldigung („Mir tut das wirklich in der Seele leid") nimmt der Geschädigte nicht an. Der Angeklagte führt die Tat auf Krankheit und Medikamente zurück. Psychiater Thomas Lippert wird am Donnerstag die Schuldfähigkeit beurteilen.
Quelle: Der Neue Tag vom 20.04.2017.2017; Rubrik: Weiden und die Region