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< Arzt erwischt den falschen Fuß
04.04.2017 00:00 Alter: 2 yrs
Von: Der Neue Tag

Ausgerastet

Der Familienvater trägt einen beigen Pullover, hellbraune Schuhe. Sogar das Haar ist mittelblond. Sein ganzes Leben ist unauffällig. Untadelig. „58 Jahre habe ich nichts gemacht", sagt der 59-Jährige. Bis 15. August 2016. Da reißt er einem Polizisten die Waffe aus dem Holster und drückt ab.


Weiden/Tirschenreuth. (ca) Die Tat ereignete sich an Mariä Himmelfahrt im Haus der Familie in Waldershof. Laut Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf zog der Angeklagte den Abzugshahn vier Mal. Er zielte aus weniger als einem Meter Abstand auf den Beamten und nahm „dessen Tod zumindest billigend in Kauf". Es löste sich kein Schuss, weil der schütze die Griffsicherung nicht löste - eine Spezialität der „Heckler & Koch 7".
Der Familienvater war bis dahin komplett unbescholten. „Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich hilfsbereit bin." Der Oberpfälzer hat einen kaufmännischen Beruf, zwei wohlgeratene Kinder. Er geht gern zum Schützenvereni seiner Gemeinde im Landkreis Tirschenreuth, organisiert Polizei- und Militärschießen und kennt daher eigentlich die Besonderheiten der Polizeiwaffe. Er schätzt die Polizei. „Ich bin mit so vielen Polizisten befreundet." er ringt die Hände.
Diesmal legal: Fentanyl
Seit sieben Monaten sitzt der gelernte Kaufmann in Untersuchungshaft. Vor die 1. Große Strafkammer wird er in Fußfesseln geführt. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag (Strafrahmen 5 bis 15 Jahre). „Was passiert ist, ist mir wesensfremd. Der Mensch, der ich bin, würde das nicht machen", beteuert er.
Zahllose Atteste belegen: Der Angeklagte hat eine schlimme Krankheitsgeschichte hinter sich. In ein offenes Bein - eine Erbkrankheit - nistete sich ein MRSA-Keim ein. Die schwärende Wunde heilte nicht. Gegen die unerträglichen Schmerzen bekam er monatelang stärkste Schmerzmittel: Tramadol, Tilidin, Fentanyl. Der Strafkammer in Weiden muss man nicht erklären, welche Gefahren diese Opiode bergen. Am Dienstag beginnt ein großes Strafverfahren wegen Fentanyl-Missbrauchs.
Der 59-Jährige beschreibt eine Wesensveränderung, die er den Medikamenten zuordnet. „Ich dachte, ich werde verrückt." Die Ehefrau (54) berichtet von Halluzinationen ihres Mannes. Er erzählt von fliegenden Autos. Einmal sieht er seinen verstorbenen Vater auf einer Bank vor dem Haus sitzen. Dann hält er die höchst lebendige Schwiegermutter für tot. 
2016 wird er in Wöllershof behandelt. Die Psychiaterin diagnostiziert Delir (akute Verwirrtheit). Der Auslöser? „Das wissen wir nicht", sagt die Ärztin. Nach zwei Tagen Bezirkskrankenhaus ist die Phase abgeklungen und seine Frau darf ihn mitnehmen, Beschwerdefrei, nicht geheilt.
Im August kommt es zur Krise. „Ich dachte, jetzt schnappe ich total über. ich habe mich geisteskrank gefühlt", schildert der 59-Jährige. Er bildet sich ein, ein Kind überfahren zu haben. Er weint ohne Grund. Sein Gemüt fährt Achterbahn. „Für die ganze Familie die Hölle", sagt seine Frau. Am Abend vor der Tat kraxelt er auf den Bahndamm hinter dem Haus, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Seine Frau zerrt ihn mit blutigen Knien wieder in die Wohnung.
Am 15. August morgens um 9 Uhr wählt die 54-Jährige den Notruf. Sie hat sich mit ihrem dem Sohn (16) in dessen Zimmer eingeschlossen. Davor steht der Ehemann und versucht, die tür mit einem Messer aufzuhebeln. Sie hat weniger Angst um sich selbst, als um ihn. „Er hat gesagt: Es passiert irgendetwas. Ich kann es nicht mehr steuern." Beim Eintreffen der Rettungskräfte hat sich die Lage schon beruhigt. Auf dem Weg ins Wohnzimmer - im Gänsemarsch den Gang entlang - schnappt sich der Angeklagte die Waffe. Er selbst kann sich nicht erinnern, Frau und Sohn nur vage. Die Notärztin wird es nicht vergessen: „Ich habe in die Mündung geguckt." Das LKA hat seine DNA an Abzug und Griff lokalisiert.
Der Prozess wird am 19. April fortgeführt - mit den beteiligten und ermittelnden Polizisten. Aufmerksamer Beobachter ist der psychiatrische Gutachter Thomas Lippert. Die Anklage geht von einer erheblich beeinträchtigten Steuerungsfähigkeit aus.
Quelle: Der Neue Tag vom 04.04.2017.2017; Rubrik: Themen des Tages