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02.06.2011 00:00 Alter: 11 yrs
Von: Der Neue Tag

Klage im Streit um Antibabypille

Weidener Anwalt vermutet gefährliche Nebenwirkungen - Bayer: Kein erhöhtes Risiko


Von Franz Kurz
Weiden. "Ich war 20 Minuten lang klinisch tot". Mit diesen Worten wandte sich Felicitas Rohrer an die Aktionärsversammlung der Bayer AG. Als Grund für ihr Leid vermutet sie die Antibabypille „Yasminelle„ des Pharma-Konzerns. Ihr Weidener Anwalt hat nun Klage gegen Bayer eingereicht. Es soll in diesem Zusammenhang die erste in Deutschland sein. Das Unternehmen hingegen erklärt, es sei „weiterhin vom positiven Nutzen-Risiko-Profil unseres Produkts überzeugt". Die Auseinandersetzung geht zurück auf den 11. Juli 2009. An diesem Tag fiel Felicitas Rohrer, damals 24 Jahre alt und angehende Tierärztin aus Baden-Württemberg, in Ohnmacht. Sie hatte eine beidseitige Lungenembolie (Verstopfung von Blutgefäßen) und einen Herzstillstand. Mehrere Minuten lang galt sie als klinisch tot. Mit einer viereinhalbstündigen Notoperation gelang es den Ärzten, ihr Leben zu retten. So schilderte es ihr Anwalt Martin Jensch von der Kanzlei Dr. Schulze & Coll. Jensch sagt, vermutlich sei der Wirkstoff Drospirenon verantwortlich, der sich in „Yasminelle" findet. Seine Mandantin habe diese Pille bis zu ihrem Zusammenbruch über mehrere Monate hinweg genommen. Studien hätten gezeigt, dass „der Wirkstoff geeignet ist, Thrombosen auszulösen", die in diesem Fall wiederum die Lungenembolie verursacht hätten. Bayer: Risiko nicht höher Zwar werde auch im Beipackzettel von „Yasminelle" vor Thrombosen gewarnt, so der Anwalt weiter. Drospirenon erhöhe die Gefahr aber über die Maßen im Vergleich zu anderen Antibabypillen. Das zeigt sich auch daran, dass seine Mandantin damals keiner Risikogruppe angehörte. Sie sei jung, sportlich und Nichtraucherin gewesen. Bayer hält dagegen. Langjährige klinische Daten und Studien hätten gezeigt, dass Antibabypillen mit Drospirenon bei korrekter Einnahme "sicher und wirksam sind und dass das Venenthromboserisiko vergleichbar ist" mit anderen, ähnlichen Pillen. So erklärte es Firmensprecher Michael Diehl auf Anfrage unserer Zeitung. Anwalt Jensch sieht das anders. Noch heute leidet Felicitas Rohrer an massiven Folgeschäden. Sie sei unter anderem auf Blutverdünner angewiesen, die eine Schwangerschaft unmöglich machten. Auch als Tierärztin könne sie nicht mehr arbeiten. Dafür versucht sie, die aus ihrer Sicht Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Sie schilderte ihre Geschichte auf der Bayer-Aktionärsversammlung im vergangenen Jahr. Und sie bemühte sich zusammen mit Jensch um einen außergerichtlichen Vergleich mit dem Unternehmen - ein Versuch, der scheiterte. „Das war auch so zu erwarten", sagt Jensch. Er verweist dafür auf 8000 Verfahren wegen Nebenwirkungen bei Verhütungsmitteln gegen Bayer-Firmen weltweit. In Deutschland sei seine Klage dagegen wahrscheinlich die erste. Darin fordert er nach eigener Auskunft Schmerzensgeld „im unteren bis mittleren sechsstelligen Bereich". Zudem verlange er Auskunft über interne Studien und Untersuchungen, die Bayer zur Wirkung von Drospirenon durchgeführt hat. Die Erfolgsaussichten dabei „würde ich als gut einschätzen", erklärt der Anwalt. „Es ist natürlich ein harter Kampf". Aber es kämen immer mehr Fälle ans Licht. „Rund 8000 Verfahren weltweit kommen nicht von ungefähr". Weitere Klagen Jensch kündigt außerdem zusätzliche Verfahren an. Er vertrete drei weitere Mandanten, sagt er. Sie alle stammen aus der Oberpfalz. Bayer zeigt sich derweil abwartend. Die Klage „ist uns noch nicht zugegangen", berichtet Sprecher Diehl am Dienstag. "Sollten wir eine solche erhalten, werden wir diese eingehend prüfen und weitere Schritte überlegen".
Quelle: Der Neue Tag vom 01./02.06.11, Rubrik: Stadt Weiden