Aktuelle Pressemeldung

24.09.2010 00:00 Alter: 12 yrs
Von: Mittelbayerische Zeitung

Eine Antibabypille mit bitteren Nebenwirkungen

Zwei junge Frauen wären nach der Einnahme des Verhütungsmittels beinahe gestorben. Nun sind sie für den Rest ihres Lebens schwer beeinträchtigt. (Von Hans Scherrer und Dominik Schleidgen, MZ)


Regensburg. „Sie ist klein, sie ist rund  - und sie hat die Welt verändert", schrieb eine Illustrierte anlässlich des 50. Geburtstag der „Pille, die den Weg für eine neue Sexualität bereitet" habe, „ohne Angst vor Schwangerschaften". In diesen Jubel können die Regensburger Jurastudentin Kahtin Weigele (28) und die 25-jährige Tiermedizinerin Felicitas Rohrer aus Bad Säckingen (Baden-Württemberg) nicht einstimmen. Die Pille hat ihr Leben nachhaltig verändert - in dramatischer Weise.
Felicitas Rohrer wird im Juli letzten Jahres als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert. Als sie in den Operationssaal kommt, ist sie klinisch tot. Die Diagnose lautet: Lungenembolie, ausgelöst durch das Verhütungsmittel „Yasminelle". Dieses Präparat - vertrieben durch die Bayer AG - „enthält den Wirkstoff Drospirenon, der das Thromobserisiko im Vergleich zu anderen Kontrazeptiva erheblich steigert", sagt Rechtsanwalt Martin Jensch aus Weiden, der sowohl Kahtin Weigele als auch Felicitas Rohrer gegenüber der Bayer AG vertritt.  Zwei Schalen voller Blutgerinnsel Der auf Medizinrecht spezialisierte Anwalt hatte seine beiden Mandantinnen zur Aktionärshauptversammlung des Pharmakonzerns Ende April begleitet, wo beide Frauen die Gelegenheit hatten, von den verheerenden Folgen nach Einnahme der Pille zu berichten. „Während des Vortrages meiner Mandantinnen herrschte absolute Stille", so Jensch. „Einige Aktionärinnen sind in Tränen ausgebrochen."
„Nachdem alle Reanimationversuche gescheitert waren, entschlossen sich die Ärzte, meinen Brustkorb zu öffnen", schilderte Felicitas Rohrer vor der Versammlung an jenem Tag im Juli 2009. „Durch einen 15 Zentimeter langen Schnitt wurde mir das Brustbein geöffnet. Während ich operiert wurde, hielt ein Arzt mein Herz in seinen Händen und versuchte es auf diese Weise zu pumpen." Aus beiden Lungenflügeln holten die Ärzte zwei Nierenschalen voller Blutgerinnsel.
„Ich werde für den Rest meines Lebens geschädigt sein", sagt Felicitas Rohrer. Sie muss ständig ihren Blutgerinnungswert messen. Die Gefahr innerer Blutungen sei permanent gegeben. Sie dürfe keine Kinder bekommen. Auch als Tierärztin könne sie nicht mehr arbeiten. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", sagt sie.
Einen ähnlichen Leidensweg schildert Kathrin Weigele. Sie hatte die Pille „Yasmin" eingenommen. Die Folgen sind eine schwere beidseitige Lungenembolie, durch die sich ein lebensgefährlicher Lungenhochdruck entwickelte und eine damit verbundene Rechtsherzbelastung mit der Gefahr akuten Herzversagens. „Die Ärzte bescheinigten mir eine fünfprozentige Überlebenschance in den nächsten fünf Jahren", sagt Kathrin Weigele.
Zwei Dinge bezeichnet Rechtsanwalt Jensch als skandalös: Zum einen, dass es sich bei den Präparaten „Yasmin", „Yasminelle" und „Yaz" um Verhütungsmittel der dritten Generation handelt, die den Wirkstoff Drospirenon enthalten, der das Thromboserisiko im Vergleich zu den übrigen Kontrazeptiva erheblich steigert. Zum anderen würden die Präparate mit Wellness- und Lifestyle-Faktoren beworben. So soll Drospirenon das körperliche und seelische Befinden verbessern, für eine glatte Haut sorgen und Gewichtszunahme vermeiden.
Letztere Merkmale sind in gewisser Weise tatsächlich Eigenschaften der dritten Generation der Antibabypille. Die neueren Pillen enthalten im Vergleich zu ihrer Vorgängergeneration weniger Östrogen und Stoffe, die positive Effekte über die Verhütung hinaus auslösen können. „Es gibt Hinweise, wonach Pillen der dritten Generation ein diskret erhöhtes Thrombose-Risiko mit sich bringen könnten. Letztlich ist das aber noch nicht geklärt", sagt Dr. Nina Rogenhofer vom Hormon- und Kinderwunschzentrum in der Frauenklinik Großhadern in München. Erhöhen können sich das Risiko durch rauchen. Auch Übergewicht und genetische Veranlagungen für Thrombose können eine Rolle spielen. Wichtig sei, dass die Patientinnen gründlich nach Risikofaktoren und familiären Thrombose-Belastungen befragt werden. „Jede Frau muss über relevante Risiken der Präparate Bescheid wissen", sagt Rogenhofer - und dieses Wissen müsse in dem Entscheidungsprozess, ob die Pille genommen wird oder nicht, eine wichtige Rolle spielen. Zahlreiche Geschädigte weltweit Im Fall der Bayer-Präparate verweist Anwalt Jensch auf zahlreiche Geschädigte weltweit. Es gäbe Studien, die von einem doppelten Risiko ausgehen. Mangelnde Aufklärung führe dazu, dass Beschwerden nicht in Zusammenhang mit der Einnahme der Kontrazeptiva gebracht würden. Kathrin Weigele bestätigt solche Erfahrungen. Sie habe unter Schmerzen und Abgeschlagenheit gelitten. Allerdings hätten die Ärzte die Ursache für die Symptome nicht erkannt. Eine Fernsehbeitrag über Felicitas Rohrer habe ihr die Augen geöffnet. Noch immer spüre sie die Folgen von „Yasmin", sagt Weiglel. Regelmäßig hat sie Schmerzen in Lunge, Herz und Brust. „Es befinden sich zahlreiche Mikroembolien in beiden Lungenflügeln. Ich muss häufig um Luft ringen", sagt die junge Frau, die früher gerne Sport getrieben hat.
Besonders ärgert Weigele, dass die Bayer AG seiner Verantwortung für weltweit etwa 100 Millionen Frauen nicht nachkomme. Der Beipackzettel enthalte keinen Hinweis auf ein erhöhtes Risikoprofil. Auch sei nicht hinnehmbar, dass die Pille mit Lifestyle-Faktoren beworben werden. Die Pille soll verhüten - nur deshalb habe Weigele sie genommen. Und nun? „Folgeschäden, lebenslange Einnahme von Blutgerinnungsmitteln und die Angst vor einer Verschlechterung meines Gesundheitszustands werden mich immer an „Yasmin" erinnern.
Anwalt Jensch ist zuversichtlich, die Schadensersatzansprüche gegen die Bayer AG nach Paragraf 84 des Arzneimittelgesetzes durchzusetzen. Allein in den USA würden derzeit zirka 50 Todesfälle mit der Einnahme dieser Antibabypillen in Verbindung gebracht. Dort liefen 1750 Verfahren gegen den Pharmariesen. Präparat bleibt auf dem Markt Kathrin Weigele verfolgt primär ein anders Ziel: „Ich will, dass Bayer ehrlich über die erhöhte Thrombosegefahr aufklärt." Weitere Schicksale wie das ihre und das von Felicitas Rohrer sollen verhindert werden.
Doch hier sieht die Bayer AG offenkundig keinen Handlungsbedarf. Die Präparate „Yasmin", „Yasminelle" und „Yaz" seien weiterhin auf dem Markt, „weil deren positives Nutzen-/Risiko-Profil fortbesteht", antwortete Konzernsprecher Dr. Michael Diehl auf Anfrage der MZ. Er bestätigt die Zahl der gegen Bayer in den USA erhobenen Klagen. Aber: „Bayer ist überzeugt, gute Argumente gegen die erhobenen Ansprüche zu haben und beabsichtigt, sich zur Wehr zu setzen." Nicht geleugnet werden rund 50 Todesfälle als Folge der Einnahme eines der oben genannten Präparate, doch seien „Todesfälle bei Anwenderinnen kombinierter oraler Kontrazeptiva sehr selten."   Quelle: Mittelbayerische Zeitung vom 24.09.10, Rubrik: Stadt Regensburg